Das Gift des Neides

Weit und breit werden wir kaum jemanden finden, der gesteht, neidisch zu sein. Wenn es der Zufall will, hören wir die aus einer überwältigenden Gefühlserregung entstehende stereotype Redewendung: „Mich frisst der Neid!". Eine ehrliche Emotion auf die Bemerkung glücklicherweise eine vergriffene Erstausgabe von Walt Disney „Die göttliche Entenkomödie und andere Streifzüge durch die Weltliteratur“ ungebraucht erstanden zu haben; oder die Möglichkeit, das Autogramm eines unerreichbaren Filmstars mit persönlicher Widmung zu bekommen, lässt uns „vor Neid erblassen“.

Fast keine menschliche Schwäche ist schwerer zuzugeben als diejenige des Neides, daher kommt das Eingestehen seiner Anwesenheit einem intimen Bekenntnis gleich, denn über Neid spricht man nicht, auch nicht unter guten Freunden.

 

Dass der Neid die aufrichtigste Form der Anerkennung ist, ließ uns Wilhelm Busch bereits vor 100 Jahren wissen. Die moderne Neidforschung ist nicht ergebnislos und erkennt im „weißen bzw. positiven Neid“ sehr vielversprechende Chancen. Der positive Neid spornt Menschen an, er ist „ehrgeizig stimulierend“ sich ein neues oder größeres Auto zu kaufen oder einem Mode- und Kosmetiktrend zu folgen. Für den Konsum und die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung möchte ihn kein regierender Finanzminister missen; und im Sport oder an den Universitäten werden durch den positiven Neid bessere Leistungen mit dem Beweggrund erzielt: „Was der / die kann, kann ich auch!“

 

Unter diesen Umständen sind wir weit entfernt vom Gift des Neides oder um es in den Worten des berühmten Arztes Paracelsus zu sagen: „Die Dosis macht das Gift“ (Sola dosis facit venenum).

 

Woher kommt dann die negative Bewertung des Neides?

Gefühle gehören unzweifelhaft zu den Grundbefindlichkeiten der Menschen in allen Kulturkreisen und zu allen Zeiten. Die schriftlichen Zeugnisse beschreiben seit Anbeginn der Existenz der Schriftkultur das Phänomen des Neides; und umgangssprachlich sprechen wir vom „Futterneid“, wobei schäbiges menschliches Verhalten dazu missbraucht wird, die natürliche Nahrungskonkurrenz von Wirbeltieren (unwissenschaftlich) zu erklären.

 

Zwischenmenschliche Beziehungen werden von Anfang der Menschheitsgeschichte an und ohne Rücksicht auf soziale Zugehörigkeit und familiäre Bindung vom Neid kompromittiert. Der Neid macht in den Erzählungen des Alten Orients vor Tochter und Mutter nicht halt, Brüder neiden der Bevorzugung durch den Vater sowie unfruchtbare Stammhalterinnen sind ihren Sklavinnen ihre Kinder neidig. In letzter Konsequenz trübt der Neid die Verhältnisse zwischen ganzen Sippen und Völkern ein.

 

In der griechischen Mythologie ist Phthonos die den Göttern zugeschriebene Verkörperung von Missgunst und Neid. Sein Wesen richtet sich gegen Menschen, die der Hybris (Selbstüberschätzung, Hochmut) erlegen sind und ihre Grenzen zum Göttlichen hin überschreiten wollen. Also gegen alle, die – modern gedacht – unter einem Realitätsverlust leiden und ihre eigenen Fähigkeiten, Leistungen und Kompetenzen gänzlich überschätzen, um auf dem Rücken ihrer Mitmenschen in den Olymp der Firma oder der Familie emporzusteigen. Jeder Buckel ist eine unbedankte Sprosse auf der Leiter des Neiders!

 

Die Beispiele der Verflechtungen von Neid mit Bösartigkeiten im familiären Kontext lassen sich in der Filmgeschichte, in der Belletristik und in den Märchen endlos aufzählen. Exemplarisch für viele Neidsituationen bringt die Märchenerzählung Schneewittchen das daraus resultierende negative Gefühlsleben auf den Punkt!

 

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ So antwortete er:

Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,

aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“

 

Da erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid. Von der Stunde an, wenn sie Schneewittchen erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe herum, so hasste sie das Mädchen. Und der Neid und Hochmut wuchsen wie ein Unkraut in ihrem Herzen immer höher, dass sie Tag und Nacht keine Ruhe mehr hatte.
 

Gelb und grün vor Neid spiegelt die seelische Vergiftung der Königin und Stiefmutter wider, die über die Haut und die endlose Unruhe sichtbar wird.

Niemand von uns sollte sich gelb und grün ärgern oder neidig sein, denn es ist und bleibt ungesund für die Seele!

 

Neider vergiften den Alltag

Zwar ist der Neid eine verpönte Charaktereigenschaft und selten gesteht jemand, dass er neidisch ist, dennoch kennen wir sehr viele „Neidhammel“ und ihr Arschlochverhalten. Kollegen und Kolleginnen hüllen sich deshalb vorsorglich über ihre Urlaubskosten in Schweigen, um nicht nach Bekanntgabe des Urlaubszieles mit der Frage konfrontiert zu sein, der ein erstaunt-ätzender Unterton einhergeht: „Verdienst du in unserer Firma so viel?“ Es ist schwer, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die ununterbrochen darauf schauen: Was hat der andere, was ich nicht habe und wie viel hat es gekostet. Arschlöcher lassen uns nicht nur bei jeder kleinsten Gelegenheit bezahlen, sondern sie stellen sich stets und ständig jede Rechnung zu ihren Gunsten aus. Sehr geschickt zollt der Kollege dem Traumurlaub Anerkennung: „Dort möchte ich ebenfalls gerne mal 4 Wochen mit allem erdenklichen Luxus hinfliegen, um es mir gut gehen zu lassen!“. Aber er ignoriert geflissentlich dabei die Leistungen des anderen, der letztes Jahr auf vieles verzichtet und dafür jede zweite Woche Überstunden bis zur gesetzlichen Höchstarbeitszeit geleistet hat. Hinter dem lustigen Schmäh in der Kantine „Heute ist das Mittagessen nicht so gut und üppig, wie in deinem 5-Sterne-Hotel!“ verbirgt sich x-mal der Neid, den wir keinesfalls wahrhaben wollen.

Entlarven wir den Neider mit den Worten „Du bist es mir nur neidisch!“ machen wir uns einen Feind, der alle Register seines Arschlochprogramms abspult, um diese Bloßstellung tilgen zu können. Wird dem Kollegen jedoch durch die falsche Unterstellung Unrecht angetan, kann das Verhältnis zwischen Arbeitskollegen sofort umschlagen und im schlimmsten Fall in einem ungelösten Konflikt einmünden, der sich an einem jahrelangen Kleinkrieg abarbeitet. Der Neid lässt sehr schnell Fairness vergessen und gibt Menschen das trügerische Gefühl der gerechten Beurteilung von Gegebenheiten jeglicher Art.

 

Neidvorwürfe lassen uns auf Gedeih und Verderb hilflos zurück und gehören zum Standardrepertoire der Ekelpakete, denn Neidvorwürfe entlarven einen negativen Affekt, den wir schlecht im Griff haben und der einen offenen Umgang, insbesondere vor unseren Gegenspielern, nicht erlaubt. Der Neidvorwurf stellt ein abstoßendes Gefühl bloß, dessen wir uns schämen und aufgrund der christlichen Kulturgeschichte von Gewissensbissen begleitet ist.

Kaum eine menschliche Schwäche ist schwerer einzugestehen, als diejenige des Neides, dementsprechend bemerkte George B. Shaw genüsslich – fast zynisch: „Es stimmt, dass Geld nicht glücklich macht. Allerdings meint man damit das Geld der anderen.“

 

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